
Magdeburg/Berlin, 6. September 2026 – Die AfD ist bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit deutlichem Abstand stärkste politische Kraft geworden. Nach dem am späten Wahlabend vorliegenden Auszählungsstand erreicht sie rund 45 Prozent der Zweitstimmen und verbessert damit ihr Ergebnis gegenüber der Landtagswahl 2021 erheblich. Die CDU fällt auf etwa 16 bis 17 Prozent zurück. SPD, Grüne und Linke liegen jeweils im einstelligen Prozentbereich. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) bewegt sich knapp oberhalb der Fünf-Prozent-Hürde. Das endgültige Ergebnis steht am Wahlabend allerdings noch nicht fest.
Damit hat die AfD erstmals eine Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gewonnen und zugleich ihr bislang stärkstes Ergebnis bei einer Landtagswahl erzielt. Ob daraus auch die Führung der nächsten Landesregierung folgt, ist jedoch offen. Wahlsieg und Regierungsbildung sind im parlamentarischen System zwei unterschiedliche Fragen: Für die Wahl eines Ministerpräsidenten und für eine stabile Regierung sind die Mehrheitsverhältnisse im neuen Landtag entscheidend.
Warum die AfD so deutlich gewinnen konnte
Die Ursachen für den Wahlerfolg sind vielfältig. Nach Analysen von infratest dimap spielte die Unzufriedenheit mit der Bundespolitik eine erhebliche Rolle. 59 Prozent der befragten Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt waren der Auffassung, die Bundesregierung habe bei dieser Landtagswahl einen „Denkzettel“ verdient. Gleichzeitig waren wirtschaftliche und soziale Sorgen stark ausgeprägt. 70 Prozent äußerten die Sorge, bei anhaltender Entwicklung irgendwann Schwierigkeiten zu bekommen, ihre Rechnungen bezahlen zu können.
Die AfD konnte dabei nicht nur in einzelnen traditionellen Wählergruppen punkten. Nach den Wahltagsanalysen lag sie sowohl bei Männern als auch bei Frauen sowie bei jüngeren und älteren Wählergruppen vorn. Zusätzlich konnte die Partei frühere Nichtwähler mobilisieren.
Das Ergebnis lässt sich deshalb nicht allein auf ein einzelnes Thema wie Migration reduzieren. Wirtschaftliche Unsicherheit, soziale Fragen, Unzufriedenheit mit der Bundesregierung, Vertrauensverlust gegenüber etablierten politischen Institutionen und die Popularität des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund in Teilen der Bevölkerung dürften gemeinsam zum Ergebnis beigetragen haben.
Kann die AfD jetzt allein regieren?
Diese Frage ist am Wahlabend noch nicht abschließend beantwortet. Entscheidend ist nicht allein der Stimmenanteil der AfD, sondern die endgültige Sitzverteilung im Landtag. Stimmen für Parteien, die an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, können dazu führen, dass eine Partei auch mit weniger als 50 Prozent der Zweitstimmen eine absolute Mehrheit der Mandate erhält.
Nach den bisherigen Hochrechnungen ist eine absolute AfD-Mehrheit jedoch keineswegs sicher. ARD-Analysen bezeichneten die Mehrheitsfrage am Abend ausdrücklich als offen. (tagesschau.de)
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat nach dem Wahlerfolg seine Bereitschaft zu Gesprächen mit anderen politischen Kräften signalisiert. Auch die AfD-Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla sprechen von einem Regierungsauftrag. Die CDU lehnt eine Koalition mit der AfD dagegen weiterhin ab. (tagesschau.de)
Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt wird seit 2023 vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Der Landesverband geht dagegen juristisch vor; nach Angaben der Tagesschau ist das entsprechende Verfahren derzeit ausgesetzt. Diese Einstufung ist ein wesentlicher Grund dafür, dass andere Parteien eine Zusammenarbeit mit der AfD ablehnen. (tagesschau.de)
Welche Rolle könnte das BSW spielen?
Besonders aufmerksam wird deshalb auf das Bündnis Sahra Wagenknecht geblickt. Sollte das BSW nach dem endgültigen Ergebnis tatsächlich in den Landtag einziehen, könnten seine Abgeordneten für die Mehrheitsbildung eine wichtige Rolle spielen.
Dabei muss zwischen einer punktuellen parlamentarischen Zusammenarbeit und einer formellen Koalition unterschieden werden. Aus der Bereitschaft, einzelnen AfD-Anträgen zuzustimmen oder über bestimmte Sachfragen zu verhandeln, folgt noch keine gemeinsame Regierung.
Das BSW hat eine kategorische „Brandmauer“ gegenüber der AfD kritisiert und grundsätzlich Offenheit für sachbezogene Zusammenarbeit signalisiert. Gleichzeitig erklärte BSW-Co-Vorsitzende Amira Mohamed Ali am Wahlabend, ihre Partei werde weder AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund noch CDU-Kandidat Sven Schulze zum Ministerpräsidenten wählen. Das BSW brachte stattdessen die Möglichkeit einer überparteilichen Persönlichkeit und wechselnder parlamentarischer Mehrheiten ins Gespräch. (Deutschlandfunk)
Damit gibt es derzeit keine belastbare Grundlage für die Aussage, Sahra Wagenknecht werde zur AfD wechseln oder das BSW werde sicher eine Koalition mit der AfD bilden. Politische Gespräche oder punktuelle Zusammenarbeit sind denkbar; ein Parteiwechsel Wagenknechts oder eine feste AfD-BSW-Regierungskoalition sind zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation.
Was könnte sich in Sachsen-Anhalt unter einer AfD-Regierung ändern?
Sollte die AfD tatsächlich die Landesregierung übernehmen, wären Veränderungen vor allem in Politikbereichen möglich, für die das Land selbst erhebliche Kompetenzen besitzt.
Besonders deutlich hat die Partei Veränderungen in der Bildungspolitik angekündigt. Ihr Wahlprogramm sieht unter anderem stärkeren Einfluss der Landesregierung auf Schulbücher und Veränderungen beim Zugang zu Gymnasien vor. Auch in der Kulturpolitik will die Partei Förderentscheidungen stärker an ihrem Verständnis deutscher kultureller Identität ausrichten. (tagesschau.de)
Weitere Konflikte wären unter anderem in der Migrations-, Medien-, Kultur- und Gesellschaftspolitik zu erwarten. Allerdings könnte auch eine AfD-geführte Landesregierung nicht sämtliche politischen Vorstellungen ohne Einschränkungen umsetzen. Landesverfassung, Grundgesetz, Bundesgesetze, europäisches Recht, Gerichte und die Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern setzen jeder Landesregierung rechtliche Grenzen.
Wie weit eine AfD-Regierung ihre politischen Vorhaben tatsächlich verwirklichen könnte, hinge außerdem davon ab, ob sie über eine eigene parlamentarische Mehrheit verfügt oder auf Unterstützung anderer Parteien angewiesen wäre.
Was bedeutet das Ergebnis für die Bundespolitik?
Die politische Bedeutung der Wahl reicht deutlich über Sachsen-Anhalt hinaus. Bundesweite Umfragen hatten die AfD bereits vor der Landtagswahl auf einem hohen Niveau gesehen. Anfang September lag sie bei mehreren Instituten zwischen 27 und 28 Prozent und damit vor CDU und CSU, die je nach Institut ungefähr 20 bis 21 Prozent erreichten. (Wahlrecht)
Das Ergebnis in Sachsen-Anhalt dürfte daher den Druck auf die Bundesregierung und insbesondere auf die CDU erhöhen. Erste Analysen am Wahlabend sprechen von erheblichen innerparteilichen Diskussionen über die Konsequenzen für Bundeskanzler Friedrich Merz und den Kurs der Union. (tagesschau.de)
Gleichzeitig wäre es methodisch falsch, das Ergebnis Sachsen-Anhalts direkt auf eine kommende Bundestagswahl hochzurechnen. Sachsen-Anhalt besitzt eine andere demografische, wirtschaftliche und politische Struktur als die Bundesrepublik insgesamt. Eine Landtagswahl wird außerdem teilweise von landespolitischen Themen, Kandidaten und regionalen Faktoren bestimmt.
Das Ergebnis hat daher vor allem Signalwirkung, ist aber keine Prognose des nächsten Bundestagswahlergebnisses.
Wie sieht die Bevölkerung Deutschlands den AfD-Erfolg?
Eine belastbare bundesweite Umfrage, die unmittelbar nach dem heutigen Wahlergebnis erhoben wurde und konkret fragt, wie die gesamte Bevölkerung den AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt bewertet, liegt am Wahlabend noch nicht vor. Aussagen wie „Deutschland begrüßt den AfD-Sieg“ oder „Deutschland lehnt ihn ab“ wären deshalb zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös.
Fest steht allerdings, dass die AfD bundesweit bereits vor der Wahl erheblichen Rückhalt hatte. Aktuelle bundesweite Sonntagsfragen sahen sie bei etwa 27 bis 28 Prozent. Gleichzeitig bedeutet das, dass eine deutliche Mehrheit der Befragten andere Parteien bevorzugt. (Wahlrecht)
Die politischen Reaktionen auf den Wahlausgang fallen entsprechend gegensätzlich aus: Die AfD sieht darin eine Bestätigung ihres politischen Kurses und einen Regierungsauftrag. CDU und andere Parteien bewerten das Ergebnis dagegen als schwere Niederlage beziehungsweise als politische Zäsur und lehnen eine Zusammenarbeit mit der AfD bislang ab. (tagesschau.de)
Könnte es nach der nächsten Bundestagswahl eine AfD-geführte Bundesregierung geben?
Rechnerisch ist eine solche Entwicklung nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Politisch lässt sie sich heute jedoch nicht seriös vorhersagen.
Selbst wenn die AfD bei einer Bundestagswahl stärkste Partei würde, wäre sie nicht automatisch Regierungspartei und würde auch nicht automatisch den Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin stellen. Entscheidend wäre, ob im Bundestag eine Mehrheit für einen AfD-Kanzlerkandidaten zustande käme.
Nach den derzeitigen bundesweiten Umfragen liegt die AfD zwar auf Platz eins, aber weit von einer absoluten Mehrheit entfernt. (Wahlrecht) Eine AfD-geführte Bundesregierung würde deshalb voraussichtlich einen Koalitionspartner oder eine andere Form parlamentarischer Unterstützung benötigen. Solange CDU/CSU, SPD, Grüne und Linke eine Regierungszusammenarbeit mit der AfD ausschließen, bleibt eine solche Bundesregierung politisch schwer zu bilden.
Das Ergebnis von Sachsen-Anhalt könnte allerdings die Debatte über den zukünftigen Umgang der anderen Parteien mit der AfD weiter verschärfen.




